Glutenfrei Frühstücken in der Bohème: das Café Grundmann in Leipzig

Nach dem ich mein Studium von den USA nach Deutschland verlegte, verbrachte ich viel Zeit mit der Clique eines Freundes, dessen Mitglieder auch meine Freunde wurden. Ich denke da insbesondere an Zwillinge, deren Leben – wüsste man es nicht besser – sich in der Bohème abspielte. Wir verschwendeten unendlich viel Zeit in den Cafés in Frankfurt am Main und hielten diese mit unseren mageren Ausgaben über Wasser. Wochentags und am Wochenende, auf dem Campus der Uni oder in der Leipziger Straße in Bockenheim und auch um die Ecke von zu Hause: suchte man mich während meiner Freizeit, fand man mich gemeinsam mit den Zwillingen in einem alteingesessenem Kaffeehaus, meist sitzend auf einem Stuhl mit angeranztem, bereits abgeflachtem Polster, auf dem winzigen Tisch vor mir eine riesige Tasse Milchkaffee und eine Zeitung und Schreibmaterial. In der rechten Hand hielt ich eine qualmende Kippe, mein Blick fest auf mein Gegenüber gerichtet, welches mir ziemlich wichtige Dinge mitzuteilen hatte.

Die Monate vergingen und ich wurde Café-und Frühstücks-Connoisseuse.

Meine Analysen ergaben, dass so unterschiedlich diese Cafés auch waren, so glichen sie sich doch in vielen Punkten: das Interieur war abgewohnt, bestückt mit viel Holz und Ölgemälden. Stühle und Tische waren selten aus ein und demselben Guss, sondern ein buntes Sammelsurium vom Sperrmüll, der Gang zu den Toiletten lag versteckt hinter schweren, hölzernen Türen mit Messingklinken. Im Gang vor den Toiletten hingen von der Fußleiste unten bis oben an die Decke (überraschend aktuelle) Poster und Flyer von kulturellen Veranstaltungen im gesamten Einzugsgebiet. Zeitschriften mit dem Kinoprogramm des laufenden Monats und Postkarten von Edgar konnte man sich von den Ständern, die irgendwo dort Platz gefunden hatten, kostenlos mitnehmen. Oft stand ein mit einer Staubsicht überzogenes Klavier in der Ecke des Gastraums und die Bedienungen arbeiteten entspannt, aber fleißig. Einzelne Inseln innerhalb des Cafés waren in Rauchschwaden gehüllt, Stellvertreter für den intellektuellen Gedanken, der aus den Kaffeesüchtigen in die Welt empor klomm. Oh, und die Musik. Die war natürlich stets ausgefallen und entspannt, entsprach immer dem persönlichen Gusto der jeweiligen Bedienung. Ab und an hörte man eine Platte in Schleife und wusste, dass schon wieder eine Stunde vergangen war.

Selbstverständlich wurde ich in dieser Zeit auch in die geheime Lehre des auswärtigen Frühstückens eingeweiht, ein Ritual welches ich während meiner Kindheit und Jugend im Ausland so nicht kannte. Meine unentdeckte Zöliakie hatte sicher auch einiges damit zu tun, dass ich schon so etwas wie Hass für Frühstück empfand – ich habe es an den meisten Tagen schlicht abgelehnt. In Frankfurt änderte sich dieser Umstand schlagartig und ich lernte die Kunst des ausschweifenden Frühstückens und Brunchens lieben. Brot, Eier, Quark, Obst, Nutella, Honig, Käse, Marmelade, Croissants und Orangensaft. Und Kaffee. In Massen. Vielleicht auch ein Glas stilles Wasser. Wenn Frühstück, dann bitte richtig!

Ein besonderer Tag begann am besten in einem alt anmutenden Café, umgeben von Freunden und ohne Ziel vor Augen was die Planung des restlichen Tages anbelangt. Doch dann zog ich aufs Land. Und verbrachte schlagartig wenig bis gar keine Zeit mehr in Cafés, es sei denn wir hatten Besuch oder jemand Geburtstag. Rauchen konnte man in Gaststätten bis dahin schon lange nicht mehr und auch ich entledigte mich irgendwann dieser schlechten Angewohnheit. Einige Jahre später zog ich der Arbeit wegen wieder in die Großstadt, in die Nähe zu einer schönen Café- und Kneipenlandschaft mit Tradition, die im April 2013 ihre Türen vor mir verschloss, als ich meine Zöliakie Diagnose erhielt. Angesichts der ohnehin knappen Freizeit war dies zwar ein unschöner, aber nicht allzu schmerzlicher Verlust.

Seit dem trinke ich auswärts immer noch riesige Tassen Milchkaffee (entkoffeiniert, man wird ja nicht jünger und das Herz schwächer). Ich schiebe den dazugehörigen Keks meiner Begleitung zu und vergesse, dass dies auch ein Ort des Essens ist. Aber ab und an, wenn ein Tag etwas Besonderes werden soll und ich zu Hause Geburtstagsfrühstück vorbereite und abbaue, dann vermisse ich doch ausschweifende Frühstücke in einer stilvollen Umgebung für die ich nichts tun muss außer durch die Tür zu schlurfen, und ich sehne mich wehmütig nach einer Zeit in der vieles rustikaler und so viel unkomplizierter war.

Seit Kurzem weiß ich jedoch, dass ein tolles Sonntagsfrühstück in glutenfrei gar nicht so weit weg ist. Nur 497 Kilometer. Im Café Grundmann in Leipzig. Anlässlich des Welt Zöliakie Tags im Mai hatte ich den Weg in diese wunderschöne Stadt in den neuen Bundesländern gefunden, und den Sonntag für ein gemeinsames Frühstück mit einheimischen Freunden genutzt. Das Internet verriet mir, dass das glutenfreie Angebot in Leipzig ernüchternd ist, man im Café Grundmann aber glutenfrei Frühstücken kann, ein Anruf bestätigte diese Information sofort. Und auch, dass man dieses nicht vorbestellen muss, denn es ist immer verfügbar.

Wir sind an diesem sonnigen Sonntagmorgen zu sechst: drei Pärchen mit viel Hunger. Ohne einen Blick auf die Karte, bin ich vom Charme des Café Grundmann angetan. Es vereint alle Elemente eines klassischen Cafés, genauso wie es sein soll. Halleluja! Das Café Grundmann liegt im Erdgeschoss eines Altbaus. An einer Allee , die von großen alten Bäumen umgeben ist. 04 Cafe Grundmann klDie hohen Wände im Gastraum sind mit Holz verkleidet und die Decke ist kunstvoll gestaltet. 01 Cafe Grundmann klDer Boden ist mit Parkett bezogen und in der hinteren Ecke steht ein Klavier, dessen Decke als Zeitschriftenablage dient. 06 Cafe Grundmann klDie Toiletten liegen im Untergeschoss, um sie zu erreichen muss man eine schwere Holztür öffnen und eine Treppe hinunter steigen. Den Weg zum stillen Örtchen zieren bunte Poster und sonstiges Kunterbunt. 05 Cafe Grundmann klNach dem Kinoprogramm und den Postkarten von Edgar muss ich auch nicht lange suchen. 02 Cafe Grundmann kl

Die Kunst an den Toilettentüren ist humorvoll und einzigartig.03 Cafe Grundmann kl Das Personal im Grundmann ist entspannt, aber fleißig und sächsisch frech. Die Damen laufen hurtig durch den lichtdurchfluteten zwischen Gastraum und Theke hin und her. Hier ist alles alt, aber nichts siffig, sondern liebevoll gepflegt. 07 Cafe Grundmann klMein Mann und ich treffen um kurz vor halb zehn ein. Wir sind fast die ersten Gäste. Zeit sich zu orientieren. Auf der Karte sind die glutenfrei verfügbaren Frühstücke (es sind so gut wie alle) und alle glutenfreien Beilagen mit einer durchgestrichenen Ähre gekennzeichnet. 09 Cafe Grundmann klIch kann mich gar nicht entscheiden, merke mir das Amsterdamer Käsefrühstück vor. Mein Mann und ich beschließen dazu noch ein Omelette zu teilen. Unsere Freunde treffen nach und nach ein und ich fühle mich zehn Jahre in die Vergangenheit versetzt, auch wenn unserer aller Sorgen damals sicherlich andere waren. In einigen Punkten, stellen wir fest, hat sich in den letzten Jahren jedoch überhaupt nicht viel verändert. Boheme eben.

Dann kommt das Frühstück. Gleich drei der freundlichen Servicekräfte braucht es um uns das Bestellte zu bringen und eine Frau muss sogar zwei Mal laufen. Zwei nicht bestellte, vorher angepriesene und abgelehnte, frisch gepresste O-Säfte werden mitgebracht. Sie sehen so unverschämt lecker aus, dass wir nicht das Herz haben sie wieder weg zu schicken. Ein Glück, denn sie sind alles was sie versprechen zu sein: kalt, spritzig und erfrischend!
08 Cafe Grundmann kl
Mein Frühstück besteht aus vier Schaer Panini, frisch aufgebacken. Und unendlich vielen Dingen, die ich mir genüsslich aufs Brot schmieren kann. Ganz warm und weich sind die Brötchen und der Beilagenteller ist hübsch dekoriert. Auch über Kontamination muss ich mir keine Sorgen machen, denn die Marmelade (fruchtig und mit genau der richtigen Süsse) kommt im eigenen stählernen Eisbecher, die Butter (eiskalt, juchu!) in einem winzigen Tontopf und alles andere ist individuell verpackt. Ich teile mit der Begleitung, denn der Geschmack von glutenfreiem Brot muss entdeckt werden. Ich kann dennoch nicht alles aufessen. Das Omelette ist vorzüglich, ganz heiß und frisch, so dass ich mehr davon esse als ich (die Person mit Aversion gegen Ei) dies normalerweise tun würde.

Pappsatt und vor allem glücklich verlassen wir nach über drei Stunden das Café, in dem kein einziger Platz mehr frei ist. Das Publikum ist bunt gemischt, jung und alt, Familien und Rentnerstammtische und Tische voller Jugendlicher. Gut so, denn sie sterben aus, die klassischen Kaffeehäuser und urigen Gastronomiebetriebe. Wo wir, wenn es sie einmal nicht mehr gibt, unsere Freizeit verbringen werden? Unsere intellektuellen Gedanken formen? Vermutlich zu Hause. Vor dem Vollautomaten. Vor dem Fernseher. Oder gar nicht.

Wenn ich mal wieder in Leipzig bin, dann frühstücke ich hier erneut. Ich werde Hunger mitbringen. Und Freunde. Und wissen, dass dieser Tag einen besonderen Anfang haben wird.

Café Grundmann
Mahlmannstraße 16
04107 Leipzig
0341 2228962

Öffnungszeiten:
Montags bis Freitags: acht Uhr bis Mitternacht
Samstags: neun Uhr bis Mitternacht
Sonntags: neun Uhr bis Mitternacht
Webseite: http://www.cafe-grundmann.de/
Bei Facebook: https://www.facebook.com/pages/Caf%C3%A9-Grundmann/138401506207817

Mari

About Mari

Salut! Ich bin Mari und wohne nebst Mann und Vogel in Köln. Ich blogge bei Foodgasm über meine Erfahrungen im vegetarischen, glutenfreien Alltag. Ihr findet mich auch auf meinem eigenen, englischsprachigen Blog Gourmari - Vegetarian & Gluten-free. Dort veröffentliche ich viele praktische Tipps zum Leben mit Zöliakie und (z.T. auch vegane) Rezepte, die ich in meiner (leider) winzigen Küche kreiere.

2 Responses to Glutenfrei Frühstücken in der Bohème: das Café Grundmann in Leipzig

  1. SuppenhanneSuppenhanne says:

    Dieser Blog-Beitrag ist wie das Frühstück im Café Grundmann: HERVORRAGEND!
    Danke!!

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