Törtchen und Brötchen auf Vögelchen: Isabella Patisserie in Düsseldorf

In meinem früheren, glutenhaltigen Leben frühstückte ich oft auswärts. Ich liebte die dampfenden Tassen heißen Kaffees mit extra viel Milchschaum auf den man extra viel Zucker streut und den man austrinkt ehe der essbare Teil des Frühstücks serviert wird. Egal wo ich einkehrte, der erste Milchkaffee – uns insbesondere davon der erste Schluck – schmeckte immer am besten. Ich liebte die Brötchen- und Brotschreibenauswahl, die in einem beigen oder dunkelbraunen Strohkörbchen, ausgelegt mit einer in der Mitte aufgeklappten roten oder weißen Serviette, noch warm in die Mitte des Tisches gestellt wurden. Nie aß ich die mir zugeteilte Brotportion auf, aber für ein zusätzlich bestelltes, knuspriges, blättriges Croissant war immer Platz in meinem Inneren. Oh, und Rosinenbrötchen! Die liebte ich ganz besonders. Innen flauschig, außen gelb und glatt. Ich aß sie aufgeschnitten und mit einem Messerstrich Butter auf jeder Hälfte – mein persönliches Kohlehydrate-Highlight! Ich liebte auch den Käse, zumindest einen kleinen Teil davon, nämlich nur Gouda. Die Butter und der Honig, ohne sie war das Frühstück undenkbar. Ich liebte das Nutella, dessen Plastikdöschen ich grundsätzlich öffnete und von dem ich nur einen Klacks entnahm ehe ich ihn der Allgemeinheit zur Verfügung stellte.

Manchmal ging ich auch brunchen. Dann gab es French Toast – am liebsten mit Zimt! Oder US-Amerikanische Pancakes. Dick mit Sirup übergossen. Ich liebte an diesen Tagen auch das Rührei. Mit Käse. Mit Tomaten. Mit Schnittlauch. Warm und weich schmiegte es sich an meine Magenwand und liebte mich zurück. Ich mochte auch das obligatorische Salatblatt und die Vierteltomate, die pinke Radieschenhälfte mit ihren Zacken, die wie ein kleines Krönchen auf einem Podest aus Grünzeug hockte und einem bleichen König glich, der im pinken Morgenmantel den Tag begrüßte. Oh, und der flüssige Sonnenschein! Das Glas frisch gepressten Orangensaft, Du süße Geschmacksexplosion! Alle diese Sachen waren Teil meines morgendlichen Wochenendrituals oder Anlass davon auszugehen, dass ein ganz besonderer Wochentag vor mir lag.

In meinem früheren glutenfreien Leben, bin ich auch gerne in schicken kleinen Lädchen mit winzigen, filigran dekorierten Törtchen eingekehrt. Ich liebte das ewig lange Stehen vor der Auslage des Patissiers und meine Unfähigkeit mich für ein einziges Kunstwerk zu entscheiden. Manchmal habe ich die Törtchen und Eclairs im Laden in eine weiße Pappschachtel packen lassen und aufgrund eines besonderen Anlasses – prinzipiell war jeder Grund war hierfür ausreichend – nach Hause gebracht, wo ich sie mit Milchkaffee und einem großen Grinsen servierte.

Doch dann begann mein glutenfreies Leben. Und ich hörte schlagartig auf auswärts zu frühstücken. Winzige Törtchen begutachtete ich ab jetzt nur noch räumlich getrennt durch eine dicke Fensterscheibe. Mit einem leichten, für Dritte nicht wahrnehmbaren, Seufzer warf ich ihnen einen letzten sehnsüchtigen Blick zu und verabschiedete mich wieder in Richtung selbst gebackenem. Der Clou: ein selbstgemachtes Frühstück oder Törtchen ist nie so spektakulär. Auf halbem Weg verliert man die Lust an der Arbeit. Vor lauter Langeweile beginnt man sich über Kalorien sowie Fett-, und Zuckergehalt Gedanken zu machen und greift dann lieber nach dem Obst. Aber all das war gar nicht so schlimm, ich vermisste vor allem das Gefühl dieser Gelegenheiten. Wie wichtig sich man fühlt, wenn man nach dem Aufstehen schick, frisch gewaschen und duftend aus dem Haus geht, und wie befriedigend es ist, halb verhungert in einem anderen Teil der Stadt in ein Lokal zu fallen und zu wissen: gleich gibt es Frühstück! Dieses Gefühl ist etwas ganz Besonderes, ich würde fast sagen es ist ein Inbegriff von Menschen meiner Generation in Deutschland.

Aber manchmal lohnt sich im Leben das Warten. Denn es gibt ihn jetzt, so einen Ort, an dem ich mich wieder so fühlen kann wie vor 2013: das Isabella in Düsseldorf. Ja, in Düsseldorf. Als Wahlkölnerin wage ich mich in die Verbotene Stadt eigentlich nur mit Verkleidung. Ich spreche dort nur mit verstellter Stimme und würde nie öffentlich zugeben, dass man uns in Schicki-Micki-Town etwas voraus hat. Aber es ist wirklich so: Düsseldorf, sonst so glänzend, brilliert nicht mit einem ausuferndem glutenfreien Angebot, welches in aller Welt bekannt wäre. Aber die Existenz von Isabella reißt vieles wieder raus und positioniert Düsseldorf ganz klar auf der Karte der glutenfreien Mekkas.

Isabella, das ist eine glutenfreie Patisserie, benannt nach Inhaberin Isabella Krätz. Zusammen mit ihrer wunderschönen und stylischen sowie sympathischen Familie (bestehend aus Mann Christof und den Söhnen Dominic und David) hat sie ein wunderschönes, stilvolles Café im Stadtteil Oberkassel (nahe Barbarossaplatz) eröffnet und sich so einen Traum erfüllt. Aber das ist noch nicht alles: man nutzt Geheimwaffen! Da wären Patissière Jingle, die u.a. im Ritz Carlton in Dubai gearbeitet hat, und ein Team, genau so sympathisch und schick wie Familie Krätz selbst.

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Aber zurück zu mir: es ist Sonntag, zehn vor zehn und ich hüpfe hibbelig von der einen Seite des Bürgersteiges in der Arnulfstrasse hin und her, auf und ab. Ich klatsche munter in die Hände und sage ungefähr alle fünf Sekunden laut „Essen!“. Meine Begleiter – darunter ein neunjähriger Junge, der ein Vorbild an Ruhe und Geduld ist – sind solche Auswüchse schon gewohnt, und sie kümmert es nicht weiter. Aber doch, insgeheim möchten wir alle unsere Nasen gegen die Fensterscheibe von Isabella pressen und mit beiden Händen darauf los trommeln und „Lasst uns endlich rein“ rufen. Kurze Zeit später ist es zehn Uhr: die Tür zum Salon öffnet, wir werden herzlich begrüßt und an den für uns reservierten Tisch gesetzt.

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Dies ist mein zweiter Besuch im Isabella. Im Juli 2015 war ich kurz hier, eine Woche nach Eröffnung. Wir haben ja sonst kein Auto, aber für den Besuch bei den Schwiegereltern hatten wir eines gemietet und mein Mann war fix zu einer Stippvisite in Düsseldorf überredet, da er das Verkehrschaos, welches uns erwartete, nicht vorhersehen konnte. Kirmes am Rheinufer, Menschenmassen und in ganz Düsseldorf kein einziger freier Parkplatz. Das Ende? Ich stieg aus, tätigte schnell meine Einkäufe während mein Mann – der ein Weilchen dachte, ich kehre nie wieder zu ihm zurück – im Kreis um den Block fuhr und mich im Auto mit einem etwas genervten Gesichtsausdruck begrüßte. An diesem Tag war das Brot schon ausverkauft, aber die Angestellte hinter der Theke reichte mir kleine Brotproben. Alles durchweg lecker! Oh, und die Törtchen! Wow, die Törtchen. Sie waren klein, hübsch und adrett. Super süß und außerordentlich schmackhaft. Wie bei Helmut Newcake in Paris oder bei der Kölner Legende Törtchen Törtchen, die bis vor kurzem bei mir zu Hause ums Eck ihre glutenhaltigen Kreationen fertigte und bei denen ich bis 2012 quasi Stammeinkäuferin war.19 Isabella kl

Schon beim ersten Besuch hat mir der Stil vom Isabella imponiert. Die Einrichtung ist durch und durch stimmig, mit bezaubernden Details und Liebe für Eleganz, Licht, Helligkeit und Pastellfarben. Alles passt zueinander: die Törtchen zur Einrichtung und den bunten, hübsch dekorierten Geschirr. Isabella Collage 4 klDas Personal sieht so aus als sei es extra in diese Welt gekommen um exakt diese Törtchen zu servieren. Alles, einfach alles, ist hier perfekt. Für das Gehirn sind solche Umgebungen eine Wohltat, denn nichts verlangt ihm Anstrengung oder auch nur einen Gedanken ab. Hier ist man einfach nur, fügt sich selbst in die hübsche Kulisse ein. Liebe Wirte, so lädt man zum Verweilen ein!Isabella Collage 7 klHeute bin ich also zum zweiten Mal hier. Die Bedienung erklärt uns die Frühstückskarte, denn es gibt sie noch nicht schriftlich. Für EUR 11,50 gibt es Rührei, ein Körnerbrot und eine Brotscheibe, Butter, Marmelade, drei Sorten Käse (Gouda, Schafsfeta und Ziegenbrie – alles laktosefrei) sowie Wurst (da habe ich meine Ohren auf Durchzug gestellt, ich esse so etwas ja nicht).

Während wir auf das Frühstück warten, huschen wir an die Theke. Die Frau, die mit uns eingetroffen ist, hat sich schon lange ihre „To-Go“ Tüte fertig stellen lassen. Sie ist allem Anschein nach öfter hier und hat dies erledigt, ehe sie sich überhaupt gesetzt hat. Denn dies ist offensichtlich ein Muss. Im Isabella wird nicht nach Masse gefertigt. Sonntags gibt es kein Brot, nur Brötchen. Körner- und Chiabrötchen sind reichlich vorhanden, aber von Rosinenbrötchen, Brioche und Sojajoghurtbrötchen mit diversen Toppings (Käse, Mohn, Sonnenblumenkerne und Sesam) gibt es heute nur jeweils sechs. Isabella Collage3 klUnd wenn die Brötchen alle sind, dann kann man nur noch Törtchen und kleine Quiche essen, die den ganzen Tag aufgefüllt werden und von denen reichlich vorhanden sind. Da wir zusammen zu sechst hier sind, nehme ich nur ein Briochebrötchen statt zwei. Die beiden Sojajoghurt-Käsebrötchen hat mir vor dreißig Sekunden eine junger Laufkunde vor der Nase weg gekauft. Nächstes Mal bin ich schlauer und kaufe meine Brotration auch, ehe ich mich setze. Keine Gnade der Konkurrenz!

Zurück am Tisch, trinke ich Kaffee. Manche Dinge ändern sich nie: der erste Schluck ist immer noch der Beste. Dann kommt das Frühstück. Viele kleine Komponenten, zwei Brotkörbe, und der Orangensaft. Und auf einmal ist es so, als lägen die letzten drei Jahre nicht hinter mir. Isabella Collage1 klWir verteilen die Leckereien gerecht untereinander. Ich esse mal wieder nur Gouda. Dieser hier hat ein tiefes, warmes Aroma. Edel. Wir krümeln ohne Angst, stecken unsere Messer in ein und denselben Marmeladentopf. Sogar das Rührei esse ich mit Genuss (so etwas passiert nicht oft!). Ich bin satt und glücklich!Isabella Collage2 kl
Um beim Abschied nicht weinen zu müssen, kann man einen Teil von Isabella auch mit auf den Weg nehmen. Und nein, ich spreche weder von der Einrichtung, noch vom Duftspender, der in der Ecke im Toilettenbereich vom Isabella steht. Schon mehr als ein Gast hat diesen in der Vergangenheit wohl entwendet, denn ein mit geschwungener Hand beschrifteter Zettel bittet die Gäste diesen zurück zu lassen und rät bei der Parfümerie Douglas oder Rituals einen eigenen käuflich zu erwerben. 01 Isabella klÜber den Betrag, den ich nach Abschluss meiner Törtchenhamsterkäufe an diesem Tag in Düsseldorf gelassen habe, hülle ich den Mantel des Schweigens. Nur so viel: an meinem Geburtstag hatte das Isabella leider geschlossen und ich bin seit Juli 2015 nur das zweite Mal hier gewesen. Ich finde, da darf es schon mal etwas ausufern. Ich habe die Leckereien ja auch – leider, leider! – teilen müssen.

Isabella Collage 5 klFazit: alles war ausnahmslos schmackhaft, mit Liebe und Hingabe gemacht und somit jeden Cent wert. Die Brötchen waren flauschig und mild, die Kruste knusprig. Die Rosinenbrötchen und die Brioche waren ein Gedicht in Kohlehydraten und einem Hauch von Zucker und Ei. Die Herrentorte schmeckte nach Baumkuchen, der Schokoguss besaß genau die richtige Portion an Bitter und das Innenleben erinnerte an feines Marzipan. Das Low-Carb Mohn-Mandel-Birnentörtchen war eine gesunde Sünde in Zart, die ich am liebsten gleich im ganzen Kuchen gegessen hätte. Der Schokodom glich einer Hommage an den Kölner Dom, so mächtig und vollkommen war er. Ich hätte ihn am liebsten ganz alleine aufgegessen. Das Matchatörtchen vom Sommer und sein rauchiger Charakter ist mir noch immer in guter Erinnerung geblieben, auch die fruchtigen Himbeer- und Maracujatörtchen waren spektakulär leicht und luftig. Und ja, der White Chocolate Cheescake! Oh, dieser war ein in buttriger Kruste verpackter Foodgasm. Für das Rezept würde ich jederzeit meine Seele tauschen. Meine Güte, es gibt so viel leckere Dinge wenn man glutenfrei lebt!

Aber nicht nur für mich war der Besuch im Isabella ein Highlight. Seit diesem Tag beginnt jeder Wochenendmorgen für meinen Mann mit einer Frage, ob ich ihn denn nach Düsseldorf fahre? Auch ihm, der an jeder Ecke der Welt frühstücken gehen kann, hat es im Isabella gefallen. Vielleicht auch, weil wir dort beide etwas zu essen bekommen. In Gesellschaft isst es sich bekanntlich ja immer viel schöner als allein und das was man isst, ist zweitrangig.

Isabella Patisserie
Arnulfstrasse 4
40545 Düsseldorf
www.isabella-patisserie.de
glutenfrei [at] isabella-patisserie.de
www.facebook.com/isabella.glutenfreie.patisserie/
0211 / 955 994 14
Öffnungszeiten:
Mittwoch – Samstag 09.30 – 18.00 Uhr
Sonntag von 10.00 – 18.00 Uhr

Mari

About Mari

Salut! Ich bin Mari und wohne nebst Mann und Vogel in Köln. Ich blogge bei Foodgasm über meine Erfahrungen im vegetarischen, glutenfreien Alltag. Ihr findet mich auch auf meinem eigenen, englischsprachigen Blog Gourmari - Vegetarian & Gluten-free. Dort veröffentliche ich viele praktische Tipps zum Leben mit Zöliakie und (z.T. auch vegane) Rezepte, die ich in meiner (leider) winzigen Küche kreiere.

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