Ein Ausflug ins Kölner Kochhaus

Jede Jahreszeit ist Kochhaus-Zeit

Kurz vor elf am ersten richtig heißen Tag des Jahres auf der Breiten Straße ist erstaunlich viel los für einen Wochentag! Der erste Eindruck täuscht, die Menschen harren vor den Schaufenstern und gehen nicht in die Geschäfte, auch nicht in jene aus denen eine einladende kalte Brise weht. Bei Grün laufe ich über die soeben noch stark befahrene Tunisstrasse und erreiche das Kölner Kochhaus. Kölner Kochhaus von der Strasse aus gesehenEs ist zeitgleich Mekka aller kulinarisch Interessierten im Rheinland, der Niedergang meiner feministischen, genderneutralen Grundsätze und der Albtraum aller Fertigtütenköche, Dosenöffner und Pizzakaltesser. Im Schaufenster Waren anlässlich der Brutzeln-im-Freien-Zeit: Kochbücher mit Männern, die dicke Fleischstücke in den haarigen und muskulösen Armen halten, grüne Baumwollschürzen, Plastikgläser mit Holzspänen für den Smoker, silberne Grillroste und -selbstverständlich – die Meister selbst.Saisonalware Kölner Kochhaus

Aus Metall, manchmal schwarz, mal in poliertem Edelstahl, immer groß und wuchtig.

Vom grössten Topf bis zur Knoblauchpresse, im Kölner Kochhaus wird man fündig

Die Königin aller Küchen ist auch da: die Kitchen Aid, der Prototyp aller Küchenmaschinen. Beim Teigrühren kann man sich in ihr betrachten, das Exemplar hinter dem Glas ist besonders glänzend, im schönsten Lila das ein Gerät jemals kleidete.

Daneben Eisportionierer, Eismaschinen, Stieleisförmchen und Bücher über die Kunst der Gelateria.

Am Eingang zum Reich der mindestens Tausend lukullischen Möglichkeiten grüßen Sabine und Mali. Sabine erinnert mich vom Aussehen an die berühmte YouTube-Köchin Sally. Mali ist vermutlich Ende dreissig, trägt schwarzen Pferdeschwanz und hat ein ursympathisches Lächeln. „Ich komme gerne her, allerdings ohne Mann“ sage ich. Sie lächeln wissend. Dies sei meist so.

Auf Suche nach neuen Entwicklungen und Gadgets möchte ich bei meinen Besuchen im Kölner Kochhaus kaufen, kaufen, kaufen! Kaufen, bis die Schränke voll sind.

So voll, dass sie beim Öffnen ihren Inhalt auf mein Gesicht kippen, Nasenbluten inklusive. Ein Leben und auch kein zweites reichen um das Sortiment zu testen, welches ordentlich und adrett, sauber und farblich aufeinander abgestimmt auf Tischen, Regalen auf drei riesigen Etagen verteilt ausliegt. Die überwältigende Auswahl lässt das Herz eines jeden Kochs schneller schlagen. Im Keller: alles zum Backen und Dekorieren. Im ersten Stock: Töpfe, Pfannen, Ofenformen, auch von Le Creuset. Manche Besucher erschrecken beim Anblick des Erdgeschosses allein. Überfordert schauen sie in die Walzen, Haken und Filter von Pasta- Küchen- und Espressomaschinen, wenden sich angeekelt ab beim Anblick der vielen Kochbücher und niesen in Präsenz der größten Pfeffermühlensammlung Kölns und eine Million und eins Kleinteilen vom Teesieb bis zur Knoblauchpresse. Durch Einkäufe bei Sabine und Mali wird die Essenszubereitung vielseitiger, aber auch komplizierter. Eine Anstellung im Kölner Kochhaus wäre mein Ruin. Ich hätte die beste Küchenausstattung aller Zeiten, aber kein Geld um Essen zu kaufen.

Von Hipstern, Gemüse-Aficionados und einem Pestolieferanten

Mali und Sabine erzählen indes, dass Smoker schon wieder out sind und dass der Pizzastein boomt! Dann lerne ich den Cook Processor und Thermomix Äquivalent von Kitchen Aid kennen. Schick ist das rot lackierte Maschinchen, das sich über viele Knöpfe, einen Heben und ein kleines Display bedienen lässt.  High Tech! Wie alles von der US-Amerikanischen auch in China herstellenden Firma wirkt Cee Pee robust, stark und edel. Eben wie eine echte Hilfe, eine zuverlässige Unterstützung, ein Freund, der allabendliche Schwerstarbeit übernimmt, wenn es der immerzu spät arbeitende und erschlagen heimkommende Mann schon nicht tut. Cee Pee kostet auch nicht so viel im Unterhalt wie ein Mann, nur 999 EUR. Im Regal gegenüber steht die Ankarsrum Assistent, aus Schweden.Kölner Kochhaus Innen Küchenmaschinen Nomen est Omen. Auch hier ein starker Unterstützer aus Metall, in pastellfarben. Im Kontrast zur Kitchen Aid, die selbst den super stylischen Schreibtisch der super fiesen Modezeitschriftchefin aus Der Teufel trägt Prada aufwerten würde, wirkt die Ankarsrum wie ein grobmotorisches Bauerntrampel. Knapp EUR 650 kostet der aufrecht sitzende Zementmischer mit sieben Liter Fassungsvermögen, inklusive innenliegendem Teigschaber und dem berühmten Teigroller. Ein echtes Arbeitstier!

Über Cee Pee stehen Plastikeier mit Kükengesichtern in denen echte Eier von Hühnern in der Mikrowelle gekocht werden können im Regal. Die Eierkocherabteilung sei der Hit bei chinesischen Touristen, sagt Sabine. Erklären könne sie sich das nicht, aber sie seien unglaublich populär. Überhaupt kaufen viele Asiaten auf der Durchreise ein. Getrieben von Plagiatsproblemen fragen sie explizit nach Waren „Made in Germany“, kaufen riesige Koffer um sie in die Heimat zu transportieren. Ich frage mich, wie viele Schräubchen, Muttern und Gewinde so den Weg zurück in ihre ursprüngliche Heimatland finden?

Nun wird es scharf und spitz mit Opinel, Wüsthof und The Knife von Güde aus Solingen, dem Lieblingsmesser von Sabine. Wie schon alle Messer zuvor, die Sabine nach und nach vorsichtig aus der Messervitrine zieht, darf ich The Knife die Hand nehmen. Mental schnippele ich ratzfatz in meiner Küche Zwiebeln, Zucchini und Radieschen. Das Gemüse leistet nicht den geringsten Widerstand. Wow! The Knife übersteigt derzeit meine finanziellen Möglichkeiten, aber bald ist ja Weihnachten. Ob sie keine Angst habe, den Kunden die Messer zu geben, frage ich. „Doch, schon.“ Niemand kauft jedoch ein Messer, das er nicht vorher in der Hand gehalten habe, oder? Sie hat recht. Ganz schön mutig.

Aus dem Keller lockt seit Ankunft der Duft von Kuchen. Ich husche, an gefühlt hundert Pralinenformen vorbei, zur zweiten Sabine, mit blondem Kurzhaarschnitt und Brille. Sie zieht gerade Rührkuchen aus dem Ofen, drei lange, helle Raupen, die einer weißen Silikonform. Wenn er abgekühlt ist, wird sie die drei Kuchenraupen mit Mascarpone und Lemon Curd bestreichen. Ich begutachte die Nudelholz-Sammlung inklusive dem Juwel, ein Zebranudelholz von Epicurean. Sabine widmet sich zwei Kundinnen. Mutter und Tochter. Ende Vierzig und Siebzig. Elegant, schlank und in weiß gekleidet. Sie schweben schon die ganze Zeit ein paar Minuten hinter mir durch den Laden. Sie freuen sich bereits bekannte Kücheninstrumente zu sehen und sich gegenseitig bestätigen zu können wie gut die Qualität sei, halten sie doch schon seit Jahren.

Vorm Gehen schaue ich in die obere Etage und denke beim Anblick der Kupfertöpfe an Julia Child. Im Erdgeschoss möchte ich mich verabschieden, doch Sabine berät ein Pärchen zum Thema Bialetti. Die Frau nickt interessiert, der Mann steht angestrengt daneben, schaut ratlos. Ich frage Mali nach dem meist verkauften Artikel. Sind es vielleicht die Salzstreuer? Sie tut sich schwer. Der Chef weiß das sicher. Sie möchte ihn holen, aber ich will ihn nicht unterbrechen, zeigt er doch gerade jemandem die Küchenmaschinen. So genau müsse es gar nicht sein, eine generelle Richtung wäre schon interessant. Da läuft ein Mann, mit entspanntem, braungebranntem Gesicht und Gärtnerhut auf dem Haupt herein. In seinen Armen eine Holzkiste mit vielen Einmachgläsern. Er begrüßt Mali und Sabine, deren Kunden sich nun untereinander beraten, mit einer Umarmung und fragt mich „Soll ich auch Dich umarmen?“. Aber ja doch. Thomas ist Gärtner und offizieller Pestolieferant des Kölner Kochhauses. Er bestückt einen kleinen Kühlschrank in Kassennähe mit Pesto, das er gemeinsam mit Dorothee im Bergischen Land unter der „Puro“-Linie aus eigenem Anbau herstellt. „Fast Slow Food“ eben. Ohne Biosiegel, aber nachhaltig und pestizidfrei. Sympathisch!

Sabine sagt, die Spiralschneider, die Sparschäler sind der Hit. Wirklich? Versinken wir nicht im Fast-Food Trend? Ist es nicht so, dass keiner mehr kocht und ganze Generationen vergessen haben wie das geht? Sabine verneint. Die Menschen mögen Gemüse, sie lechzen danach es selbst zuzubereiten. Sie hat, mal wieder, recht. Und ich bin der beste Beweis. Urban Gardening heißt es, und ich betreibe es seit Jahren auf meiner Terrasse mit Zucchini unterschiedlicher Farben und Form, exotischen Kräutern und fünfzehn Tomatensorten. Zum Abschied fotografiere ich Sabine, Mali und Thomas mit den Pestogläsern, von denen Thomas mir eines schenkt. „Ich habe gerade einen wirklich guten Tag,“ sagt Thomas. „Ich auch,“ denke ich mir.

Und dann gehe ich, aus dem lustigen Paradies der kulinarisch Interessierten in Richtung Breite Straße, in Richtung 32 Grad Hitze an diesem ersten richtig heißen Tag des Jahres, Richtung Mittag, denn es ist schon nach zwölf. Ich gehe, ohne etwas gekauft zu haben, denn der gesuchte Tortenring und die kleinen Briocheformen waren ausverkauft. Meinen Mann wird es freuen.

Kölner Kochhaus
Breite Strasse 2 – 4
50667 Köln
Telefon 0221 – 258 998 90
info@koelnerkochhaus.de

https://www.koelnerkochhaus.de/

Öffnungszeiten:
Montag – Freitag: 10.00 – 19.00 Uhr
Samstag: 10.00 – 18.00 Uhr

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal an die Mitarbeiterinnen im Kölner Kochhaus für den herzlichen Empfang und den spontanten informativen Rundgang bedanken. Dieser Artikel wurde im Juni 2016 geschrieben, auch die Bilder stammen von damals. Ich bitte die Verspätung zu entschuldigen.

Mari

About Mari

Salut! Ich bin Mari und wohne nebst Mann und Vogel in Köln. Ich blogge bei Foodgasm über meine Erfahrungen im vegetarischen, glutenfreien Alltag. Ihr findet mich auch auf meinem eigenen, englischsprachigen Blog Gourmari - Vegetarian & Gluten-free. Dort veröffentliche ich viele praktische Tipps zum Leben mit Zöliakie und (z.T. auch vegane) Rezepte, die ich in meiner (leider) winzigen Küche kreiere.

One Response to Ein Ausflug ins Kölner Kochhaus

  1. Dieser Artikel hat meine Überzeugung gefestigt: Ich brauche dringend eine Muffin-Backform. Und zwar aus so einem Geschäft.

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