Mein schreckliches Leben ohne Gluten, Teil 2

Anlässlich des Welt Zöliakie Tages veranstaltet die Facebook-Gruppe Zöliakie Austausch eine Aktionswoche für mehr Bewusstsein für Zöliakie und das glutenfreie Leben in der Öffentlichkeit. Die Aktionswoche findet zwischen dem 11. und 17. Mai 2014 statt. Auf foodgasm.me erscheint zu diesem Zweck in drei Teilen „Mein schreckliches Leben ohne Gluten“. Ich erzähle darin die Geschichte meiner Diagnose, über meinen Einstieg in das glutenfreie Leben und wie ich fernab des essenstechnischen Mainstreams zurecht komme. Den ersten Teil von „Mein schreckliches Leben ohne Gluten“ findet Ihr hier. Der dritte Teil ist hier einzusehen.WZTAktion2014 kl

Mein schreckliches Leben ohne Gluten, Teil 2

Mein schreckliches Leben ohne Gluten fühlte sich anfangs sehr unbequem an. Mein Mann – froh über den Lichtblick am Horizont wieder eine gesunde Frau zu haben – unterstützte mich sehr und überließ mir die Entscheidung für einen komplett glutenfreien und somit teureren oder einen halb-glutenfreien, halb-glutenhaltigen, günstigeren Haushalt. Ich entschied mich für ein glutenfreies zu Hause.

Damit war nicht automatisch alles gut. Von jetzt an würde mich immer selbst mit Essen versorgen müssen. Dachte ich. Unabhängig davon wie spät es ist und wie viel Lust ich noch dazu habe, ich würde wohl doch kochen. Zur Not müsste ich mit dem klar kommen was sich in meinen Küchenschränken befand, denn die Kölner Kioskkultur ist nicht auf die Bedürfnisse von Lebensmittelintoleranten ausgelegt. Und Urlaub! Würde ich jemals wieder in den Urlaub fahren können? Also vielleicht schon, aber dann doch nur mit diversen Vorräten im Kofferraum, richtig?

Da war er, dieser Berg. Mittlerweile war ich im Labyrinth an dessen Hang. Auf dem Weg zur Spitze würde ich es durchqueren müssen. Mühsam. Anstrengend. Nervig.

Die gesundheitlichen Probleme beiseite: der April 2013 war eine ereignisreiche Zeit. In der Arbeit war viel zu tun und diverse andere Verabredungen ließen mich jeden Tag spät nach Hause kommen. Zeit einzukaufen war nicht, die Lust zu Kochen nach einem langen Tag vergangen. Und selbst wenn: glutenfreie Zutaten waren eh nicht vorhanden. Dachte ich. Trotzdem: Meine Diagnose erhielt ich an einem Dienstagabend, am Freitagmittag aß ich meine letzte glutenhaltige Mahlzeit, eine kleine Pizza von Domino‘s. Eine Filiale hatte in der Nähe meiner Arbeit eröffnet, und da ich viele fabelhafte Erinnerungen aus meiner Jugend mit Domino’s Pizzen verknüpfe, wollte ich sie wenigstens probieren ehe ich mich von Gluten vorübergehend (so dachte ich) verabschiedete. Es war ein warmer Freitag, die Sonne strahlte von einem blauen Himmel und in den Frühling hinein. Auf einer kleinen Mauer im Park sitzend, spielende Vögel, Hunde und Kinder beobachtend aß ich meine Pizza im Glauben, dass es irgendwann ein Wiedersehen mit Gluten geben würde. Vielleicht kein intensives, aber ein sporadisches und kurzes. Ein ganz unverbindliches Wiedersehen eben.

Als ich später den leeren Pizzakarton zusammen faltete und in den Mülleimer am anderen Ende des Parks stopfte, begann mein schreckliches Leben ohne Gluten endgültig. Ich wusste, dass ich nun jede Mahlzeit akribisch im Voraus würde planen müssen. Mangels Frühstück zu Hause noch fix am Bahnhof zum Bäcker hecheln? Nein. Zwischen zwei Besprechungen bei der Arbeit hurtig ein Brötchen zwischen die Kiemen schieben? Ging nicht mehr. Spontan mit meinem Mann oder Freunden irgendwo in der Stadt essen gehen, weil das Restaurant sympathisch aussieht und man der Magen einem in den Knien hängt? Vergiss es! Die Tradition nach jedem Frisörbesuch Essen vom Lieblingsthailänder abzuholen? Zu Hause angekommen erstmal herzhaft in eine knusprige Frühlingsrolle beißen? Gestorben. Den Anblick meines Mannes wie er mir strahlend und mit ausgestrecktem Arm einen großen, dampfenden Pizzakarton durch den Spion überreichen möchte, wenn ich mal nach der Arbeit und dem Hausputz keine Lust mehr auf Kochen habe? Mööööp!

Kurz (aber auch nur ganz kurz und auch nicht wirklich ernsthaft, weil es niemals passieren würde und nur weil man es mir vorschlug) zog ich in Erwägung wieder Fleisch zu essen. Ich hatte kaum darüber nachgedacht, so dämmerte es mir, dass dies mein Problem nicht lösen würde. Auswärtsessen wäre vielleicht einfacher. Aber nur vielleicht. Steak und Bratkartoffeln. Putenbrust und Reis. Fertig. Andererseits hat mein Mann als erstes sein auswärtiges Essen von Fleisch eingestellt, weil man dort Herkunft schlecht nachvollziehen kann. Fleisch ist Protein, Glutenhaltiges sind Kohlehydrate. Die Entscheidung „Fleisch oder nicht Fleisch“ und „Gluten oder nicht Gluten“ waren komplett unabhängig voneinander. Gut, dass wir drüber gesprochen haben!

Neue Regeln für das Kochen zu lernen: schön und gut, es ist aber deprimierend wenn man von jetzt auf nun wieder Anfänger ist, nach dem man so viele Jahre Experte im Kochen war. Am meisten trauerte ich der Spontanität nach und dem Luxus der Freiheit auch mal „heute koche ich mal nicht“ zu sagen. Ich las wie eine Besessene. „Glutenfrei für Dummies“ und weitere Bücher, Kochbücher, unzählige glutenfreie Blogs und Foren. Ich begriff, dass ich mich im Park unter blauen Himmel an einem Freitag in der Mittagspause für immer von Gluten – in Form einer kleinen Pizza von Domino’s – verabschiedet hatte. Ich lernte, dass es als Zöliak wichtig sich konsequent und immer glutenfrei zu ernähren. Kein Abbeißen, keine Krümel, kein Schummeln, keine Ausnahmen, niemals.

Meine Konsequenz wurde mit langweiliger und einseitiger Kost belohnt. Aber auch mit einer Verbesserung meines gesundheitlichen Zustandes. Mangels Planung und Routine war ich jedoch erst einmal im monotonen Speisplan gefangen. Jeden Mittag und jeden Abend gab es gebratene Zucchini mit Quinoa. Zum Frühstück aß ich teures glutenfreies Brot aus dem Supermarkt. Wenigstens schmeckte es. Ich kaufte zehn glutenfreie Mehlsorten, darunter Mehl aus Teff und Kastanie. Aus ihnen backte ich Kruste für Quiches, die ich – eine neue Form von Monotonie erfindend – von Montag bis Freitag aß. Auf Anraten meines Mannes trug ich alle von mir bereits probierten glutenfreien Produkte in eine Liste ein. So konnte ich immer wissen was mir geschmeckt hatte und von welchen Produkten ich nicht so sehr begeistert war.

Beim zweiten oder dritten Quichebackmarathon ist es dann passiert. Die Eiermasse lief aus der Kruste auf den Küchentresen und auf den Küchenboden. Ich wischte alles auf, und stellte die Quiches in den Ofen. Dann wurden die Quiches nicht gar. Selbst ein Einwickeln in Alufolie konnte sie nicht überreden. Die Eiermasse lief aus der Kruste auf den Boden des Ofens. Es stank und klebte. Ich putzte. Als die Quiches dann gar waren, wollten Boden und Ring der Springform einander nicht mehr loslassen. Ich zerrte und zog. Ich fluchte und zeterte. Das Innenleben der Quiche platzte auf, verformte und vermischte sich. Ich fing an zu weinen. Ich war müde und gestresst vom vielen Kochen. Ich war unglücklich vom einseitigen Essen. Ich war genervt von den Massen an Informationen die ich nur langsam aufnehmen konnte. Ich wollte doch nur was essen! Ich rüttelte weiter an der Quiche. Mit einem Messer versuchte ich die Quichekruste von der Form zu lösen. Ich stülpte einen Teller über die Springform, drehte alles um, schüttelte ein wenig und hob die Springform hoch. Das Innenleben der Quiche fiel heraus, alles rutschte, ein wenig fiel auf den Küchenboden. Die Kruste verharrte hartnäckig in der Form. Erbost hob ich die Arme gegen die Zimmerdecke und schrie. Quiche-Innenleben und Quichekruste in der Springform wanderten in den Müll. Ich hatte es satt und tat mir selbst unendlich leid.

So konnte es nicht weitergehen. Ich erstellte einen Essensplan für die nächste Woche. Aus diesem ergab sich eine Einkaufsliste für den Samstagvormittagseinkauf. Ich lernte Zutatenlisten lesen. Nach sechs bis acht Wochen war Routine eingekehrt, eine kleine Liste glutenfreier Gerichte vorhanden. Eine Essensplanung konnte ich nun mental vornehmen. Ich nahm einen Termin bei einem Ernährungsberater wahr. Wirklich viel Neues erzählte er nicht, weil ich schon Wochen vorher zufällig eine Ernährungsberaterin des Deutschen Allergie- und Asthmabundes im Biosupermarkt getroffen hatte. Den ganzen Tag hatte noch niemand ihre (kostenfreien) Dienste in Anspruch genommen. Aufgeregt überhäufte sie mich mit Informationen, insbesondere zur Hygiene in der Küche und riet mir zu einer Mitgliedschaft in der Deutschen Zöliakie Gesellschaft (DZG). Wenige Wochen später erhielt ich ein Willkommenspaket.

Dann begann eine Hamsterphase. Ich konnte nicht an einem als „glutenfrei“ gekennzeichneten Produkt vorbei gehen, ohne es zu kaufen. Zwischen vollgepackten Regalen im Supermarkt stehend, begutachtete ich ein Produkt nach dem anderen, und rief jedes Mal hüpfend „Ohoooo! GLUTENFREI!“, wenn die Zutatenliste keine glutenhaltige Zutat enthielt. Erstaunlich was ich so alles essen durfte: Schokolade, Pralinen, Chips, Nachos, Tacos, Eis, glutenfreie Kekse und Salzstangen, Nüsse, Schokoriegel, Nuss-Fruchtriegel, Kitkatersatz, glutenfreie Burgerbrötchen, glutenfreien Kuchen, glutenfreier Hanutaersatz, Nutella, glutenfreie Produkte von Kinder, waffellose Schaumküsse. Ich konnte auch essen: Glasnudeln, Sobanudeln (aus reinem Buchweizen), glutenfreie Nudeln, Tamarisosse, Öl (alle Sorten), Sirup (alle Sorten), bestimmte Frühstückscerealien, die nach Zutatenliste glutenfrei sind. Marmelade, Butter, Käse (fast alle Sorten!), Sorbet, glutenfreie Sojawürstchen, Ei (hab‘ ich ein schwieriges Verhältnis zu, aber sei’s drum), Tofu, Kartoffeln (und alles was auch ihnen gemacht wird, Hauptsache es ist glutenfrei zubereitet), Reis (ich musste alle Sorten besitzen!), Quinoa, Amaranth, Canihua, Mais, Teff, Maroni, Saure Sahne, Joghurt, Joghurtdrinks, Sahne, Creme Fraiche, Quark, bestimmte Essigsorten, Frischkäse, Feta, Gurken, Tomaten, Karotten, Zucchini, Auberginen, Salat (alle Sorten!), Kidneybohnen, schwarze Bohnen, Kichererbsen, Linsen (alle Sorten – yeah!), Erdbeeren, Wassermelone, Fenchel, grüne Bohnen, Sojamilch, Haselnussmilch, Mandelmilch, Zuckererbsen, grüne Erbsen, Spargel (grün und weiss), Gewürzgurken, Rhabarber, Pastinaken, Petersilienwurzeln, Rote Bete, Rosenkohl, Sauerkraut, Rotkraut, nach Zutatenliste glutenfreies Rösti. Und Pommes! Oh, Pommes! Ich durfte auch Pommes essen (vorausgesetzt, dass sie ein einer glutenfreien Fritteuse frittiert werden). Ebenfalls erstaunlich was ich alles trinken durfte: Cola, Apfelsaft, Wein – lassen wir das!

Innerhalb kürzester Zeit war es unmöglich meine Küchenschränke oder meinen Kühlschrank zu öffnen ohne dass mir dabei deren gesamter Inhalt entgegenpurzelte. Diese Phase ging einher mit einem interessanten Phänomen. Da glutenfreies Essen ja ab nun gesund war, ass ich es als ob es kalorienfrei wäre. „Immer rinn in den hohlen Kopp!“ würde meine Schwiegermutter sagen. Ich begann von der Masse an glutenfreiem Essen erschlagen zu werden. Die Auswahl und mein angesammelter Vorrat an Essen begann mich zu überfordern. Wann sollte ich das alles essen?

Ich dachte über Urlaub nach, aber glaubte nicht, dass ich als Vegetarierin mit einem schwierigen Verhältnis zu Ei gute Karten hätte. Ich chattete mit anderen Betroffenen und erhielt einen Hoteltipp. Eigentlich wollte ich ans Meer, aber nachdem der Tippgeber so von einem kleinen Hotel am Gardasee schwärmte, reservierten wir dort ein Zimmer. Es war einer der schönsten Urlaube, die wir jemals verbracht haben. Ich nahm mir vor alle Gerichte, die ich nicht auswärts essen konnte, zu Hause nachzukochen. Ich kaufte einen Wok und lernte asiatisch angehauchte Gerichte zu zaubern. Ich hatte dies schon aufgegeben und mich dennoch jedes Jahr mindestens einmal darin versucht, um das Resultat dann angeekelt zu vertilgen. Ich versuchte mich im Brotbacken, eine Aufgabe an die ich mich vorher nie getraut hätte. Mit Erfolg. Ich stellte Ravioli her. Ich lernte Laugenbrezeln zu backen. Mit echter Lauge (die richtig schwierig zu erwerben ist), Sicherheitsbrille auf der Nase und die Hände tief in dicken Handschuhen vergraben. Ich besuchte Restaurants, die ein glutenfreies Menü auf der Karte haben, Orte, an die ich so nie gekommen wäre. Ich starrte nun nicht mehr auf die roten Lippen anderer, in meinem Gesicht war auch endlich ein wenig Farbe zu finden.

Irgendwann stand ich anderen Zöliaken in Fleisch und Blut gegenüber. Über das Internet hatten wir uns zum Pizzaessen verabredet. Erst dann habe ich gemerkt wie einsam ich mich seit meiner Diagnose gefühlt hatte. Wie ein stilles, einsames Männlein im Walde, ein Punk auf einem Philatelistenkongress. In ein und demselben Moment – als ich sie erblickte – spürte ich wie viel Kraft mir der Einstieg in das glutenfreie Leben abverlangt hatte und eine monatelange Anspannung fiel von mir ab. Diese Menschen machten einen gesunden, lebensfrohen und zufriedenen Eindruck. Ich konnte sogar mit ihnen fachsimpeln, ich war Expertin! Eine Horde briefmarkensammelnde Punks unter sich. Genial!

Und auf einmal, ohne dass ich gemerkt hatte, wie weit ich schon gekommen war, stand ich auf dem Gipfel meines schrecklichen Lebens ohne Gluten. Leise, still und emsig hatte ich mein Ziel erreicht. Ein Labyrinth bestehend aus Zutatenlisten, verbotenen und erlaubten Lebensmitteln, Diagnoseverfahren und Hygieneregeln hatte ich erfolgreich durchkreuzt. Ich hatte mehr Energie in mir und fühlte mich stärker als in vielen Jahren zuvor. Jeden Tag auf dem Weg nach Hause in der U-Bahn lächelte ich vor mich hin. Ich war glücklich, weil vom Tag noch etwas übrig war und ich diese Zeit für Aktivitäten nutzen konnte. Zu Verabredungen würde ich mich nicht schleppen, sondern diese genießen. Ich würde erst abends, kurz vor dem Schlafengehen, wirklich müde sein. Mein schreckliches Leben ohne Gluten war ganz und gar nicht schrecklich. Mein Leben ohne Gluten war bunt, facettenreich – und angenehm.

Mari

About Mari

Salut! Ich bin Mari und wohne nebst Mann und Vogel in Köln. Ich blogge bei Foodgasm über meine Erfahrungen im vegetarischen, glutenfreien Alltag. Ihr findet mich auch auf meinem eigenen, englischsprachigen Blog Gourmari - Vegetarian & Gluten-free. Dort veröffentliche ich viele praktische Tipps zum Leben mit Zöliakie und (z.T. auch vegane) Rezepte, die ich in meiner (leider) winzigen Küche kreiere.

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