Glutenfreies Experiment: die Pfeffermühle in Kassel-Niederzwehren

Das Angebot an Restaurants, die sich mit der Zubereitung glutenfreier Speisen auskennen, ist in Kassel (im Vergleich zu Köln) verschwindend gering – insbesondere wenn man den Anspruch stellt, dass das Essen vegetarisch sein möge und aus politischen Gründen der Schwiegermutter das Schlosshotel nicht aufsuchen möchte. Meine Familie in Kassel ist zwar genügsam und geht brav immer nur dort essen, wo auch ich etwas zu essen bekomme, aber immer nur in ein Restaurant zu gehen, unabhängig davon ob wir einfach mal wieder essen gehen möchten oder ob wir etwas zu feiern haben, das ist auch langweilig. Aus diesem Grund habe ich schon im Sommer angefangen nach neuen Restaurants Ausschau zu halten. Ich habe die Suchmaschinen bemüht und die Rankings in einschlägigen Reiseportalen studiert und einen ersten Schwung Emails mit Anfragen versendet, auf die leider keine Antworten kamen. Also waren wir anlässlich des runden Geburtstags meines Schwiegervaters mal wieder im Pancake.

Ende Oktober feierte meine Schwiegermutter runden Geburtstag und – wie sollte es auch anders sein – fragte sie, wo wir essen würden. In weiser Voraussicht habe ich erneut die Suchmaschinen und Reiseportalrankings bemüht und Emailanfragen versendet. Das erste Restaurant antwortete auf meine Email nur nach einem zweiten Versuch, so dass ich auch eine Anfrage an die Pfeffermühle im Hotel Gude stellte, ein Restaurant das aufgrund der Küche von Koch Fritz Wimmer auch über die Grenzen Kassels hinaus bekannt ist. Gleich am nächsten Tag rief die Sommelière an und sicherte mir Kompetenz in der Küche zu. Viele ihrer Gäste seien Allergiker und man habe sogar glutenfreies Brot auf Lager. Vorbestellen müsse ich nicht, es reiche bei Ankunft das Personal zu informieren. Also gut.02 Pfeffermuehle klEin wenig aufgeregt war ich dann doch, weil keiner der Zöliaken im Internet bisher dort gegessen hatte – und auch weil die Speisenkarte der Pfeffermühle von Vorspeise bis Dessert sich extrem lecker liest. Anfang November war es dann endlich soweit, und ich studierte am späten Nachmittag vorm Abendesse noch die Speisenkarte im Netz. Auf der Wochenkarte entdeckte ich zahlreiche Gerichte mit Pilzen, einen Zucchinifächer und ein Safranrisotto und beschloss zu fragen, ob ich eine Kombination all dieser Dinge, ein auf der Karte nicht vorhandenes Pilzrisotto bestellen könnte.

Gegen sieben kamen wir in Niederzwehren an, einen Ort an dem ich vor Jahren ein paar Nächte verbracht habe. Die Dokumenta fand gerade statt und Ani DiFranco gab zwei Konzerte im Kulturzelt, eines mit Maceo Parker und eines solo. Ich konnte es mir nicht entgehen lassen und denke noch gerne an diese Zeit. Die Eltern eines Freundes wohnten in Niederzwehren. Bei ihnen haben wir – eine Gruppe von sechs oder acht Personen – übernachtet und gefrühstückt. Wir dachten zwar, dass wir in Kassel sind, aber der Freund belehrte uns eines Besseren: Niederzwehren sei eingemeindet worden und er fühle sich nicht als Kasseler, Kasselaner oder Kasseläner, sondern als Niederzwehrener. Diese Geschichte erzähle ich meiner Familie während wir im Auto sitzen und als ich die ein oder andere Ecke, die ich bei meinem Besuch vor über zehn Jahren dort gesehen habe (so meine ich), wieder erkenne.
04 Pfeffermuehle klDie Pfeffermühle ist im Hotel Gude, ein stylisches, schwarzes Gebäude an der Frankfurter Strasse. Rechts ist die Salzbar untergebracht, links das Restaurant Pfeffermühle. Am Eingang versteckt sich an der Wand ein Spruch. 05 Pfeffermuehle klDiese Sprüche findet man überall in der Pfeffermühle, unter anderem an den Toilettentüren. Hier ist mit Liebe zum Detail eingerichtet worden. Hinter der Glastür werden wir von der Bedienung abgeholt und an unseren reservierten Tisch gebracht. Der Gastraum erinnert ein wenig an eine Hobbithöhle, mit Einbuchtungen in denen jeweils ein Tisch mit Sitzbänken eingeschmiegt wurde, an denen bequem acht Personen sitzen, aber auch weniger Platz nehmen können, ohne dass sie sich verloren fühlen.

Sehr zuvorkommend bietet die Bedienung uns einen Aperitif an. Ich entscheide mich – ich weiss, so 2012! – für Hugo.11 Pfeffermuehle kl Bevor wir unsere Bestellungen aufgeben haben, wird uns (glutenhaltiges) Brot mit Dipp gereicht. Meine Kürbiscremesuppe wird gereicht, dazu glutenfreies Brot. Hübsch sieht die Suppe aus, insbesondere der Schaum und die gerösteten Kürbiskerne. Sie schmeckt sehr würzig und voll, ist sehr fein. Leider ist sie mir ein wenig salzig, ein Urteil das mein Mann, der die Suppe mit mir teilen darf, nicht teilt. 01 Pfeffermuehle klDas Brot hingegen ist ein alter Bekannter. Nicht aufregend, aber haltbar und doch ganz in Ordnung. Ich bin selbstverständlich froh überhaupt glutenfreies Brot serviert zu bekommen – es ist ziemlicher Luxus! – aber auf dem Markt hat sich in den letzten Jahren so viel getan, dass die Brotauswahl sicher eine Überholung wert wäre und man problemlos glutenfreies Baguette neben dem glutenhaltigen servieren könnte.
09 Pfeffermuehle kl
Und nun ein Wort zur Atmosphäre: es ist wirklich schön hier. Ruhig und festlich, aber nicht überkandidelt. Gehobene Gastronomie in Kassel eben. An den Tischen wird gut und teuer gespeist, dazu Bier getrunken. Die Bedienung ist vorbildlich organisiert und huscht unaufgeregt zwischen den Tischen, der Bar und der Küche hin und her. Aufmerksam ist sie auch und schnappt Fragen über das Essen auf und antwortet – nicht gehetzt, sondern durchaus interessiert – im Vorbei gehen. Als Gast fühlt man sich so sehr entspannt.10 Pfeffermuehle kl Während man in weniger gehobener Gastronomie schon mal zur Theke gehen oder die Bedienung rufen muss, wenn man etwas möchte, appariert (ja, wie bei Harry Potter!) das Personal der Pfeffermühle dezent am Tischrand und verschwindet auf leisen Füssen wieder. Man ist rundum umsorgt und versorgt.
06 Pfeffermuehle klMeinem Mann wird sein Salat gebracht, komplett mit Kartoffelchipnetz. Schick! Auf dem Grill werden leider auch glutenhaltige Dinge gebraten, so dass ich diese Delikatesse leider nicht probieren kann, obwohl ich es gerne getan hätte.
Nach und nach trudeln die Hauptgerichte ein, das Gericht meines Mannes wird auf dem Beilagentisch hinter unserem Sitz gesondert für ihn angerichtet. Insbesondere das von meinen Schwiegereltern bestellte Wildgericht sieht sehr schmackhaft und liebevoll dekoriert aus. Gereicht wurde die Preiselbeersosse in einem winzigen, essbaren Körbchen und mit einem aus ausgbackenem Kartoffelteig ausgestochenen Rehplätzchen – wirklich bezaubernd! (Ein Foto habe ich leider nicht gemacht, sorry!)

Mein Risotto wird gebracht, es sieht fantastisch aus! Auf ihm liegen hübsch drapiert diverse Gemüsesorten. Der Reis sieht jedoch sehr verdächtig nach Perlgraupen (aus dem es auch ein Risotto auf der Wochenkarte gibt) aus, so dass ich die Bedienung darauf aufmerksam mache. 03 Pfeffermuehle klSie versichert mir, der Koch habe ihr wiederum versichert, dass an dem Gericht alles glutenfrei sei. Ich erkläre, dass Perlgraupen entweder aus polierter Gerste oder Weizen bestehen und bitte sie beim Koch erneut nachzufragen. Während sie in der Küche nachfragt bemühe ich die Suche über Google: ich zweifele in solchen Situationen immer zuerst an meinem (eigentlich recht soliden) Wissen. Doch, es stimmt: Perlgraupen sind die volle Ladung Gluten. Ich nehme mir vor dieses Gericht nicht zu essen, bis ich nicht die Verpackung der „glutenfreien“ Perlgraupen gegessen habe. Aber zum Glück wird mir dieses Szenario erspart. In Windeseile ist die Bedienung zurück am Tisch und sagt „Sie haben Recht, wir fangen noch einmal von vorne an“ und nimmt mein „Risotto“ wieder mit. Um mich herum lassen sich mein Mann, seine Eltern und seine Schwester indes ihre Gerichte schmecken. Immer wieder werfen sie mir vielsagende Blicke zu, mein Mann verspricht mir einen Ausflug ins Pancake zur später Stunde und ich warte. Und dann, die anderen sind noch nicht einmal im Ansatz fertig, appariert die Bedienung an unserem Tisch und reicht mir lächelnd (und – wie ich – sichtlich erleichert) mein Risotto aus Reis. Hallelujah!07 Pfeffermuehle klDie Angst isst nun doch ein wenig mit, also hebe ich jedes Stückchen Gemüse zaghaft hoch und schiebe es erst nach ausgiebiger Begutachtung vorsichtig gen Mund. Ich werde nicht enttäuscht. Die Karotten sind süß und al dente, ganz zart und buttrig. Wow! Die Pastinaken und die Zuckerschoten sind frisch und knackig, ich meine ein Stück Schwarzwurzel zu erkennen, über das ich mich freue. Den Zucchinifächer hatte ich mir feiner und aus irgendwelchen Gründen roh vorgestellt, aber so ist er auch lecker. Das Tomatenfleisch ist aromatisch und fest. Lediglich die beiden Stangen grüner Mini-Spargel, vermutlich angesichts der Hektik unter dem Gemüseberg versteckt, teilen sich perfekten Biss und leichte Überkochtheit. Das Risotto ist so wie ein Risotto sein muss: bissfest und schlozig, kein bisschen zu cremig. Der Safran harmoniert gut mit dem Reis und dem Gemüse – wirklich fantastisch, ich würde dieses Gericht jederzeit wieder bestellen!

Zufrieden schauen wir uns gegenseitig an, während unser Tisch nach und nach abgeräumt wird. Wir unterhalten uns eine Weile, hauptsächlich über das leckere Essen. Dann folgt das Dessert. Ich bestelle einen Himbeergeist und entscheide mich für die Creme Brulée mit Waldfrüchten in Passionsfruchtmark und Curry-Eis (der exakte Name ist mir entfallen und ich konnte ihn auf der Webseite der Pfeffermühle nicht mehr finden). Nach dem ich die Bestellung aufgegeben habe, erinnere ich mich, dass ich vielleicht vorsichtshalber nachfragen sollte, ob das Dessert überhaupt glutenfrei ist. Der Kellner sagt „Ach, Sie waren das!“ und bringt kurz darauf gute Nachrichten. Yippie!12 Pfeffermuehle kl Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, denn dieses Werk ist wirklich ein Gedicht! Angefangen von der kleinen, aber feinen Portion Creme Brulée (die ich ganz in Ameliè-Manier mich am Geräusch erfreuend aufbreche) in einem kleinen Glas über die in Passionsfruchtmark gedippten Früchte (Erdbeere, Himbeere, Brombeere, Johannisbeere) bis hin zum Curry-Eis und die hübsch ausgesuchten Mini-Schälchen (O-Ton meiner Schwiegermutter: „Ich schaue mal in der METRO, ob die so etwas haben, dann kaufe ich es Dir“) – alles ist wunderbar stimmig, jedes Element könnte auch gut für sich alleine stehen. „Das Curry Eis hätte ich mit Sicherheit nicht bestellt, wenn ich die Wahl gehabt hätte, aber ich bin froh, dass es nun auf dem Teller vor mir liegt“ – sagt meine Schwägerin. Ich kann ihr nur zustimmen. Mehr Curry-Eis braucht die Welt!08 Pfeffermuehle klFazit: Ich kann das Restaurant Pfeffermühle im Hotel Gude nur empfehlen. Wer sich glutenfrei ernähren muss, der kann hier ein schönes kulinarisches Erlebnis antreffen. Wer (wie ich) zahlreiche Sonderwünsche zusätzlich hat, welche die Küche berücksichtigen möge, der sollte sich mit seinen Wünschen schon vorab an die Küche wenden. Nächstes Mal esse ich wirklich á la Carte, die gefüllte Aubergine ist bestimmt auch ein Genuss! Hätte ich nachmittags meinen Pilzrisottowunsch mitgeteilt oder etwas von der Karte bestellt, wäre das Perlgraupenfiasko beiden Seiten sicherlich erspart geblieben. Ich trage also auch einen Teil Schuld an dem was passiert ist. Das Problemmanagement der Pfeffermühle ist jedoch vorbildlich (bravo, dafür!), und ich habe sämtliches Essen gut vertragen. Natürlich kann man in einem solchen Moment ausrasten und alles stehen und liegen lassen und sich weigern etwas zu essen, aber jeder macht mal Fehler. Als glutenfreier Gast muss ich sowieso immer mitdenken und wachsam sein. Als Vegetarierin auch. Im tiefsten Bayern ist mir schon Tagliatelle mit Pilz-Specksosse serviert worden, nach dem ich diese unter der Rubrik „fleischlose Kost“ bestellt habe, Unverständnis des Personals bei Bemängelung des Specks inklusive. Nach dem das Risotto aussah wie Risotto und das Wissen, das Perlgraupen polierte Gerste und Weizen sind, schon sehr anspruchsvolles Wissen zum Thema glutenfrei ist und selbst mein Mann, der ja nun sehr im Thema ist, ab und an ein solches „um-die-Ecke-denken“ nicht schafft, finde ich das nicht weiter schlimm. Der Küche wird ein solcher Fehler gewiss nicht mehr passieren und ich werde – ohne mit der Wimper zu zucken – sehr gerne erneut in der Pfeffermühle einkehren. 13 Pfeffermuehle jpgMeine Familie und ich waren – ohne Ausnahme – hin und weg von dem schönen Abend in der Pfeffermühle, so dass wir am nächsten Tag und auch noch Tage danach uns gegenseitig davon erzählen. Insgesamt war es doch eine nicht ganz günstige Veranstaltung (böse Zungen würden über gepfefferte Preise sprechen), die jedoch jeden Cent wert war. Diese Meinung vertritt insbesondere mein Mann, der dem Besuch in der Pfeffermühle eher skeptisch gegenüber stand und für seinen kritischen Gaumen bekannt ist. Wer einen Besuch der Pfeffermühle plant – egal ob glutenfrei oder nicht – dem lege ich noch das Blättern im Kochbuch „Märchenhafte Schmeckerlüste“ (an der Theke) sehr ans Herz. Dort findet man unter anderem Rezepte von Fritz Wimmer und Gleichgesinnten. Die Bilder sind durchweg schön, gerne hätte ich das Buch einfach mitgekommen. Man findet dort auch einige Gerichte, die von der Nordhessischen Küchentradition inspiriert wurden. Zwar kann man mich mit Ahler Worscht, und Essen die auf ihr basiert nicht hinter dem Ofen hervor locken, aber viele Kasseler, Kasselaner und Kasseläner sehen das sicherlich anders – der ein oder andere Niederzwehrener ebenfalls!

Restaurant Pfeffermühle im Hotel Gude
Frankfurter Str. 299
34134 Kassel
Telefon +49.561.4805-0
Fax +49.561.4805-101
info@hotel-gude.de
http://www.hotel-gude.de/restaurant/
https://de-de.facebook.com/hotel.gude
Täglich ab elf Uhr dreißig und siebzehn Uhr dreißig; Küchenzeiten sind Montag bis Samstag von zwölf bis vierzehn und von achtzehn bis dreiundzwanzig Uhr; sonntags bis zweiundzwanzig Uhr.

Mari

About Mari

Salut! Ich bin Mari und wohne nebst Mann und Vogel in Köln. Ich blogge bei Foodgasm über meine Erfahrungen im vegetarischen, glutenfreien Alltag. Ihr findet mich auch auf meinem eigenen, englischsprachigen Blog Gourmari - Vegetarian & Gluten-free. Dort veröffentliche ich viele praktische Tipps zum Leben mit Zöliakie und (z.T. auch vegane) Rezepte, die ich in meiner (leider) winzigen Küche kreiere.

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